Zeitungsbericht »Der Triumph des Patriarchen.
Ferdinand Pich ist jetzt bei Volkswagen
der mächtigste Mann. Gegen ihn läuft nichts mehr«
in Berliner Zeitung vom 18.11.2006



Der Triumph des Patriarchen

Ferdinand Pich ist jetzt bei Volkswagen der mächtigste Mann.
Gegen ihn läuft nichts mehr

Christian Lipicki

Es sind dürre Sätze. Aber nicht karger als sonst. Ferdinand Pich leitet als Aufsichtsratsvorsitzender des Volkswagen-Konzerns die Aktionärsversammlung des Unternehmens. Viele Worte hat er nie gemacht. So sind es Kleinigkeiten, die auffallen. Sein diabolisches Grinsen. Diesmal fehlt es völlig. Es ist der 3. Mai 2006. Die Hauptversammlung im Hamburger Kongresszentrum wird zum Tribunal, zur Abrechnung mit dem Patron, der den Autobauer längst als Teil seines Imperiums sieht.

Ferdinand Pich grantelt, wie sie in seiner Salzburger Heimat sagen. Er sieht sich schweren Anschuldigungen ausgesetzt. Aktionärsschützer werfen ihm vor, er habe VW-Konzernchef Bernd Pischetsrieder öffentlich demontiert, in dem er die Verlängerung von Pischetsrieders Vertrag anzweifelte. Das sei eine »wirklich offene Frage«, hatte Pich in den vorausgegangenen Wochen über die Verlängerung gesagt und dadurch Pischetsrieder heftigen Personalspekulationen ausgesetzt.

Pich sitzt auf dem Podium. Er zuckt auch dann nicht, als Aktionärsschützer mit seinem Lebenswerk abrechnen. Er selbst sei für die Misere bei Volkswagen mitverantwortlich. Schließlich habe er als Vorgänger von Pischetsrieder planlos Luxusmarken wie Bugatti und Lamborghini zugekauft, sagen sie - und darüber das Wesentliche vergessen: das Geschäft mit den Volkswagen.

Erfüllung eines Traums

In der Nacht zuvor war Pich damit gescheitert, Pischetsrieders Vertragsverlängerung noch zu verhindern. Er war im Aufsichtsrat unterlegen. Das kann einer, der sonst immer siegt, schwer ertragen. Die Ära des VW-Patriarchen, der die Geschicke von Europas größtem Autokonzern über ein Jahrzehnt bestimmt hatte, geht langsam zu Ende. So dachten viele damals. Aber alle, die so dachten, sollten sich irren.

Jetzt im Herbst, nur sechs Monate später, ist der Alte, wie Ferdinand Pich in Wolfsburg ehrfürchtig genannt wird, wieder da. Der 69-Jährige ist mächtiger denn je. Nichts, was in Wolfsburg entschieden wird, geschieht gegen seinen Willen. Dafür hat er gesorgt. Pich hat über den mit 27,4 Prozent inzwischen größten VW-Aktionär Porsche die Kontrolle in Wolfsburg übernommen. Der Sportwagenbauer gehört Pich und dem Rest der Pich-Porsche-Familie. Er ist VW-Aufsichtsratsvorsitzender - und könnte es entgegen früheren Erklärungen auch bleiben. Und nun hat er, Pich, an der VW-Konzernspitze noch seinen Getreuen Martin Winterkorn durchgesetzt. Der Audi-Chef wird Nachfolger von Bernd Pischetsrieder, sobald dieser Ende des Jahres als Konzernchef abtritt. »Kampf, das ist mein Leben«, hat Pich vor vielen Jahren schon gesagt. Es klang nicht bedauernd.

»Geschickt hat Pich sein Netz geknüpft, das ihm wieder Einfluss sichert«, sagt Jürgen Grässlin, der Pichs Lebensweg als Biograf verfolgt. »Mit Martin Winterkorn ist die Lage für ihn komfortabler geworden, weil damit der künftige VW-Chef bedingungslos zu Pich steht.« Solche Leute schätze Pich, sagt Grässlin. Und zwar nur solche. »Für ihn gibt es offenbar nur weiß oder schwarz, nur Freund oder Feind.«

Auch Pischetsrieder gehörte einmal zu den Weißen. Der damalige VW-Konzernchef Pich holt ihn im Juni 2000 zu Volkswagen, obwohl Pischetsrieder zuvor bei BMW wegen des Rover-Debakels den Chefsessel räumen musste. Als Pich 2002 auf den Posten des VW-Aufsichtsratschefs wechselt, macht er Pischetsrieder zu seinem Nachfolger. So einer - Ingenieur und Autonarr wie er - ist ein Unternehmensführer nach seinem Geschmack. Jedenfalls solange er sich ihm unterordnet.

Schon bald zeigt Pich, dass er das Lenkrad zwar übergeben, aber nicht loslassen will. Eindeutig sind die Bilder, die unmittelbar vor der Amtsübergabe an Pischetsrieder über die Fernsehschirme flimmern. Wie versprochen präsentiert Pich der Öffentlichkeit ein fahrtüchtiges Ein-Liter-Auto, das zwei Personen Platz bietet: vorne am Steuer sitzt er, dahinter Pischetsrieder - als Beifahrer. In der Sprache Pichs heißt das: Ich entscheide, wo es lang geht.

Denn dafür hatte Pich lange gekämpft. Für den Enkel des legendären Käfer-Entwicklers und Porsche-Gründers Ferdinand Porsche ging 1993 ein Traum in Erfüllung, als er bei Volkswagen das Regiment übernahm. »Es war mein Ziel, einmal eine größere Firma zu leiten als mein Großvater«, erinnert sich Pich später. Nun saß er an der Spitze jenes Konzerns, den sein Großvater erst möglich gemacht hatte.

Der Weg dahin war schwer, nicht trotz seiner Herkunft, sondern wegen ihr. 1937 kommt Ferdinand Pich in Wien auf die Welt. Seine Mutter Louise - eine geborene Porsche - übernimmt nach dem frühen Tod seines Vaters die Geschäfte. Für die vier Kinder bleibt nicht viel Zeit. Ferdinand kommt ins Internat. Dort macht er die Erfahrung, dass er für sich kämpfen muss, weil es kein anderer macht. Zeit seines Lebens begegnet er anderen mit Misstrauen.

1963 startet der Ingenieur seine Berufskarriere bei Porsche. Schnell steigt er auf. Aber die Unternehmensspitze wird ihm vom Familienrat verwehrt. Pich versteht das nicht: Er wollte das Erbe von Porsche leben und nicht vom Erbe. 1972 geht Pich zu Audi. Dort probiert er aus, womit er später wieder Erfolg haben sollte. Er beschreitet neue Wege, entwickelt den Allradantrieb, feilt am Fünf-Zylinder-Ottomotor - und macht aus der verschnarchten Marke einen Qualitätshersteller, der den Münchner Konkurrenten BMW angreift.

1993 kommt Pich in Wolfsburg an - und muss gleich mit der Sanierung anfangen. Volkswagen schreibt riesige Verluste. Besessen geht er ans Werk. Er senkt die Kosten, tüftelt an neuen Modellen und kümmert sich selbst um kleinste Kleinigkeiten persönlich: So ordnet er an, dass die Farbe der Armaturbeleuchtung blau zu sein hat.

Pich hat immer das letzte Wort. Und weiß alles besser. Ruppig ist auch sein Führungsstil. »Entweder es stimmen die Zahlen, oder ich will neue Gesichter sehen.« Über 30 Topmanager hat er insgesamt gefeuert, hat sein Biograf Grässlin gezählt. Weil Pich jedoch Erfolge vorweisen kann, macht er sich unangreifbar. Noch jedenfalls. Als er in den Aufsichtsrat wechselt, liegt der Gewinn des Unternehmens bei 2,6 Milliarden Euro. Pich hat Volkswagen zu neuer Stärke verholfen. Das ist sein Erbe, seine Mission.

Doch der Erfolg steht auf keiner soliden Grundlage. Kurz nachdem sein Nachfolger Pischetsrieder die Konzernführung übernimmt, beginnt die Talfahrt. Nun rächt sich, dass Pich in seinen letzten Jahren das Tagesgeschäft schleifen ließ und stattdessen kostspielige Ausflüge ins Luxussegment mit Geschossen wie dem 1001-PS-Bugatti unternommen hatte. Die Zustimmung der Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat dazu erkaufte er sich mit dem Verzicht auf nötige Kostensenkungen bei der Belegschaft.

Pischetsrieder verteidigt zunächst erwartungsgemäß die Entscheidungen seines Vorgängers, geht dann aber auf Abstand. Pich registriert, dass seine Luxus-Expeditionen zwar nicht abrupt beendet werden. Aber zunehmend wird ihm vorgehalten, welche Defizite in der Modellpolitik er hinterlassen hat. Die Spannungen zwischen den beiden wachsen. 2005 kommt es zum Bruch. Da wird ein Skandal bekannt, der nicht nur Wolfsburg schockiert. Es geht um Tarnfirmen, Lustreisen für Betriebsräte, Sexpartys. Darin verstrickt sind vor allem Betriebsräte. Als erster tritt VW-Betriebsratschef Klaus Volkert zurück. Doch weisen Spuren auch in den Konzernvorstand. Pichs Vertrauter Peter Hartz, der Personalchef, gerät unter Beschuss. Und es wird gefragt: Was wusste Ferdinand Pich, ohne dessen Billigung in Wolfsburg über viele Jahre nicht passierte?

Pich muss erleben, dass er aus der Konzernzentrale kaum verteidigt wird. Bernd Pischetsrieder erklärt unterdessen, die Vorgänge vollständig aufklären zu wollen.

Pich ist auf einem Tiefpunkt angekommen. Denn auch Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff sieht nun die Chance gekommen, Pich und dessen Seilschaften zu beseitigen. Wulff sitzt als Vertreter des Großaktionärs Niedersachsen im Aufsichtsrat von Volkswagen. Er unterstützt Pischetsrieders Sanierungsarbeit, die er durch die ständigen Querschüsse aus Salzburg gefährdet sieht.

Bündnis auf Zeit

Doch Ferdinand Pich will nicht klein beigeben. »Es gibt Verlierer und Gewinner. Ich habe die Absicht, der Gewinner zu sein«, hatte Pich schon früh erkannt. Und wieder kämpft er, schmiedet Allianzen. »In IG-Metall-Chef Jürgen Peters und VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh findet er getreue Verbündete«, sagt Grässlin. »Doch der Wirtschaftskapitän und die Gewerkschaftler führen keine Liebesheirat. Das ist ein Bündnis auf Zeit.« Gemeinsam dominieren Pich und die Arbeitnehmervertreter das VW-Aufsichtsratspräsidium.

Pich hatte dem früheren Bundessozialminister Walter Riester einst doppeldeutig damit geschmeichelt, dass dieser wie ein Baum sei, den man bis zum Boden niederbiegen könne und der trotzdem wieder aufsteht. Auch Pich ist wieder aufgestanden.

Er liebt es, die Strippen zu ziehen und andere vorzuführen. So auch bei der Bestallung des Nachfolgers von Personalvorstand Hartz. Gegen Pischetsrieders ausdrücklichen Willen setzt Pich in einer Kampfabstimmung im Aufsichtsrat den Gewerkschaftskandidaten Bernd Neumann durch. Der ist zu dem Zeitpunkt Audi-Personalvorstand - und arbeitete zuvor 16 Jahre lang in der IG-Metall-Zentrale.

Pichs wahre Macht offenbart sich, als Porsche-Chef Wendelin Wiedeking - der oberste Angestellte des Pich-Porsche-Clans - vor gut einem Jahr ankündigt, dass der Sportwagenbauer groß bei Volkswagen einsteigt. Inzwischen ist Porsche VW-Hauptaktionär und plant sogar eine Aufstockung der Anteile auf 29,9 Prozent. Mehr braucht es nicht, um Volkswagen absolut zu kontrollieren. Ab 30 Prozent müsste Porsche anderen VW-Aktionären anbieten, deren Aktien aufzukaufen. Doch dafür gibt es keinen Grund. Jedenfalls nicht, solange keiner die Führungsrolle von Porsche - und damit der Porsche-Eigentümer - streitig macht.

»Jetzt ist Pich seinem Ziel ganz nahe«, sagt Grässlin. »Er hat immer dem Großvater Ferdinand Porsche nachgestrebt. Mit seiner Machtpolitik hat er ihn nahezu überrundet.«