Zeitungsbericht »Aktionäre fordern Zetsches Rücktritt.
Vor der Hauptversammlung prangert ein Aktionsbündnis
die Personalpolitik und das Chrysler-Debakel an«
in Der Tagesspiegel vom 04.04.2007



»Aktionäre fordern Zetsches Rücktritt.
Vor der Hauptversammlung prangert ein Aktionsbündnis
die Personalpolitik und das Chrysler-Debakel an«

Von Henrik Mortsiefer Berlin - Der Verband der Kritischen Aktionäre (KADC) hat den Rücktritt von Daimler-Chrysler-Chef Dieter Zetsche gefordert. Einen Tag vor der Hauptversammlung des Autokonzerns in Berlin übte das Bündnis scharfe Kritik an der Personalpolitik und den strategischen Entscheidungen Zetsches. Die deutschen Autofahrer wurden aufgefordert, keinen Mercedes mehr zu kaufen. Der Konzern müsse boykottiert werden, solange er an der Entwicklung von Raketenwerfern für Streumunition beteiligt sei.

Außerdem sprachen sich die Kritischen Aktionäre gegen die Wahl von Manfred Bischoff zum Aufsichtsratsvorsitzenden von Daimler-Chrysler aus. Bischoff soll Nachfolger von Hilmar Kopper werden. Der ehemalige Chef der Deutschen Bank stand dem Aufsichtsgremium 17 Jahre lang vor und gibt dieses Amt nun ab.

Beobachter erwarten ein turbulentes Aktionärstreffen im Berliner ICC, zu dem mehrere Tausend Teilnehmer erwartet werden. Für Diskussionen sorgen dürften der bevorstehende Verkauf der US-Tochter Chrysler sowie die Klimadebatte. Fondsgesellschaften wollen den Druck auf den Vorstand erhöhen, sich von Chrysler zu trennen. Die US-Sparte hatte 2006 mehr als eine Milliarde Euro Verlust gemacht. Die Fonds fürchten, dass der Autobauer Ziel einer feindlichen Übernahme durch Finanzinvestoren werden könnte.

Schon Anfang kommender Woche könnte eine Entscheidung über die Zukunft Chryslers fallen. Dann treffe sich in New York ein Team um Daimler-Chrysler-Strategievorstand Rüdiger Grube mit potenziellen Käufern, berichtete die »Wirtschaftswoche« in ihrer Online-Ausgabe. Dort könne es bereits zu einem Vertragsabschluss kommen.

Die Kritischen Aktionäre schlossen sich der Forderung nach einem Verkauf an, plädierten aber für eine »saubere und sozialverträgliche« Trennung. »Das kann auch einige Monate oder ein Jahr dauern«, sagte KADC-Sprecher Jürgen Grässlin. Mit Rücksicht auf die Arbeitnehmer solle sich der Konzern Zeit lassen. Der Verband kritisierte, von den nach der Fusion mit Chrysler hinzugewonnenen 140.000 Arbeitsplätzen seien im Konzern bis heute 100 000 wieder abgebaut worden.

Die Kritischen Aktionäre wollen auch den CO2-Ausstoß der Daimler-Flotte anprangern. Nach ihren Berechnungen liegt der durchschnittliche Ausstoß der 419 Daimler-Chrysler-Autovarianten bei 339 Gramm pro Kilometer. Gemessen an dem von der EU vorgeschriebenen Grenzwert (130 Gramm bis 2012) ergebe sich beim Verbrauch ein Nachholbedarf von 4,4 Litern pro 100 Kilometer. Nur die A- und B-Klasse sowie der Smart erreichten die EU-Vorgaben. »Daimler-Chrysler ist nicht zukunftsfähig aufgestellt«, resümierte der KADC.

Zufriedenstellen dürfte die Aktionäre die Dividende in Höhe von 1,50 Euro je Aktie. Insgesamt 1,542 Milliarden Euro will Daimler ausschütten. Nach einem Bericht der »Zeit« hat der Konzern diese Summe 2006 aber nicht voll verdient. Um die Dividende zahlen zu können, seien die Kassenwarte zu einer »Entnahme aus den Gewinnrücklagen von 853 Millionen Euro« gezwungen, schreibt das Blatt mit Verweis auf den Jahresabschluss (Einzelabschluss). Die meisten Aktionäre dürften dies nicht bemerken, denn der legale Kniff werde nur im Einzelabschluss, nicht aber im Geschäftsbericht erwähnt. Ein Daimler-Sprecher sagte, maßgeblich für die Dividendenzahlung seien Ergebnis, Cashflow und Konzernabschluss.

Unterdessen zeigte sich Vertriebschef Klaus Maier zufrieden mit der Nachfrage nach der neuen Mercedes-Benz C-Klasse und dem Smart For-Two. Für die seit Samstag verkaufte C-Klasse lägen 75 000 Bestellungen vor, für den Smart 45.000.