Zeitschriftenartikel JG
»Zur Nachahmung empfohlen: Gewehre zersägen.
Erfahrungsbericht über eine symbolträchtige Aktion«
in der zivilcourage Nr. 4, 2006



»Zur Nachahmung empfohlen: Gewehre zersägen.
Erfahrungsbericht über eine symbolträchtige Aktion«

Anfang August 2006 führte die Friedensfahrradtour der DFG-VK in die Waffenstadt Oberndorf am Neckar, wo die Friedensradler vor dem Waffenwerk Heckler & Koch (H&K) gegen die hiesige Rüstungsexportpolitik demonstrierten. Bis zu zehn Millionen H&K-Handfeuerwaffen befinden sich weltweit im Einsatz. Gemessen an der Zahl der Empfängerländer ist die schwäbische Waffenschmiede »deutscher Rüstungsexportmeister« und sogar »Weltmeister« bei Lizenzvergaben im Kleinwaffenbereich.

Heckler&Koch-Gewehre gehören zu beliebtesten Mordinstrumenten in den Händen von Terror- und Guerillaeinheiten, aber auch von Kindersoldaten. Durchschnittlich wird alle 14 Minuten ein Mensch Opfer einer Kugel, die aus einer H&K-Waffe abgeschossen wird. Durch Gewehrkugeln sterben rund zwei Drittel aller Kriegsopfer. »Rüstungsexport ist Beihilfe zum Massenmord!« lautete unsere unmissverständliche Botschaft an die Firmenleitung.

HECKLER & KOCH-WAFFEN IM NAHEN OSTEN. Derzeit bestimmen die gewaltsamen Geschehnisse im Nahen Osten weltweit die Nachrichten. In der internationalen Berichterstattung spielt Deutschland kaum eine Rolle und findet allenfalls als potentieller »Friedensstifter« eine Erwähnung. Dabei gäbe es zur deutschen Rolle ganz anderes zu berichten: Über Jahrzehnte hinweg hat Deutschland verfeindete Staaten im Nahen Osten mit zivil wie militärisch einsetzbaren »Dual-Use«-Gütern, mit Rüstungsgütern und mit Waffen vollgepumpt.

Die Region war seit Jahrzehnten Zielgebiet der Rüstungsexporte von Heckler & Koch. Deren Waffen zählen auf Grund der offensiven Rüstungsexportpolitik im Libanon, Jemen, in Jordanien, Bahrain, Katar, Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, dem Iran und dem Irak zu den begehrtesten.

Folgenschwerer noch als die Direktexporte der H&K-Handfeuerwaffen haben sich frühere Lizenzvergaben für das Schnellfeuergewehr G3 ausgewirkt, die unter anderem an Saudi-Arabien, Pakistan und Iran vergeben wurden. Die Regierungen dieser Länder sind für die Re-Exporte der H&K-Lizenzwaffen in den Nahen Osten, die Golfregion sowie weite Teile Afrikas mitverantwortlich.

Deshalb forderten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Protestaktion von H&K und der Bundesregierung konkrete »Schritte zur Abrüstung« im Nahen Osten, vor allem aber den Stopp aller Rüstungsexporte.

DIE AKTION: GEWEHRE ZERSÄGEN. Direkt vor dem Firmenlogo am Zaun des H&K-Werksgeländes zersägten wir drei der in dem Werk entwickelten und hier produzierten bzw. erneuerten Waffen. Vor laufender Kamera eines Friedensfilmteams und des Südwestrundfunks (SWR) wurden die Softairwaffen in die Form zerbrochener Gewehre zersägt. Das »zerbrochene Gewehr« ist das Logo der Deutschen Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK), des RüstungsInformationsBüros (RIB e.V.) und der War Resisters' International (WRI).

Der SWR wiederholte den Filmbericht in den nachmittäglichen und abendlichen Nachrichtensendungen. Zudem übertrugen drei Radiosender live, mehrere Zeitungen veröffentlichten am nächsten Tag teilweise umfassende Berichte. Auch medienmäßig betrachtet war die Aktion ein voller Erfolg.

WAS WIR AUS DIESER AKTION LERNEN KÖNNEN. In Oberndorf wird diese Aktion nicht so schnell wiederholbar sein, da wir jedes Mal neue Aktionsformen finden sollten. An anderen Orten aber könnten Friedensaktivistinnen und -aktivisten eine vergleichbare Aktion wiederholen, z.B. vor dem Bundesausfuhramt in Eschborn, dem Deutschen Bundestag oder dem Bundesverteidigungsministerium in Berlin. Anlässe böten zu verhindernde Kleinwaffenexporte oder bevorstehende Kampfeinsätze der Bundeswehr.

Die Aktion ist mit vergleichsweise geringem Aufwand durchführbar: Softairwaffen sind täuschend echte Gewehre aus Plastik mit Leichtmetallbestandteilen, die kleine Plastikkügelchen verschießen. Sie sind vergleichsweise (leider) relativ preisgünstig in jeder Stadt oder über das Internet erwerbbar. Der Kauf von Softairwaffen mit geringem Schießdruck ist bereits ab 14 Jahren erlaubt, ebenso das Tragen in der Öffentlichkeit (was in der Sache sehr bedenklich ist). Mehrere Gewehre und Metallsägen, der Rest ist Handarbeit, die Spaß macht.

RESÜMEE. Die Zeiten großer Massenaufmärsche der Friedensbewegung sind vorbei, deshalb muss das Defizit in der Quantität unsererseits durch die Qualität unserer Gegeninformationen und die Originalität unserer Aktivitäten ausgeglichen werden. Wählen wir symbolträchtige Aktionen, dann reichen wenige Teilnehmerinnen und Teilnehmer, um eine beachtliche Presseresonanz zu erzielen und unsere Kritik in breit die Öffentlichkeit zu tragen.

Jürgen Grässlin ist Bundessprecher der DFG-VK und des DAKS (Deutsches Aktionsnetz Kleinwaffen Stoppen). Auf seiner Homepage www.juergengraesslin.com finden sich weitere Informationen zu Heckler & Koch und zur Aktion in Oberndorf.

Veröffentlicht in der zivilcourage Oktober/November 2006, S. 13